ich bin so frei 4 PDF Drucken E-Mail

Folgebeitrag 4 für improve   ... einfach leben :

"ich bin so frei 4" (gesamter Beitrag):

 

Wenn ich mich selbst nicht verstehe,

 

wie kann ich dann alles andere um mich verstehen? Ohne Selbsterkenntnis ist jeder Ausdruck eines selbst anmaßend, aggressiv, von Ehrgeiz getrieben oder von Gier besessen. Ein Lehrer etwa, der sich selbst nicht kennt und sich auf Wissen und Autorität verlässt, ist seinem Schüler gegenüber ignorant. Wenn Selbsterkenntnis eintritt, endet die Macht der selbst erschaffenen Illusionen, beginnt das Verstehen und das Begreifen einer Realität, in welche uns normaler Weise nur bruchstückhafte Einblicke gewährt sind.

 

Friede, Freiheit und Glück etwa: von dem wollen alle in der Regel ganz viel „haben“. Das ist das Tückische am Glück, dass die Menschen für so etwas wichtiges wie Glück keine Gebrauchsanleitung „haben“ sollen – können sie denn eine finden? Wir sind also auf etwas wie unser eigenes inneres Vermögen zurückgeworfen und auf uns selbst angewiesen, wenn wir mit Glück in Berührung kommen wollen. In seinem hoch gelobten Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ beschreibt Wilhelm Genazino die Suche nach Glück als wichtigste Nebenbeschäftigung seiner Figuren.

 

Wenn mir jemand einen Rat geben wollte, wie ich es schaffen würde glücklich zu sein, würde ich tendenziell sofort skeptisch werden. Ich würde mich in mich selbst verkriechen. Aber liegt gerade darin nicht ein Schlüssel? Selbsterkenntnis ist nichts für Leute, die sich auf ein Potest stellen, sie ist vielmehr mit schmerzlicher Arbeit verbunden, die Achtsamkeit und Geduld erfordert. Ich beginne also, nicht wieder nach außen zu flüchten, sondern bei mir zu bleiben. Ich entdecke, dass mein Selbst ein von mir aus vielen Umständen zusammengefügtes Etwas ist, und ich nur im Auseinanderfallen dessen erkennen kann, was nicht das Ergebnis äußerer Einflüsse ist, etwas, das interessant ist, weil es keine Ursache hat.

 

Liegt es daran, dass ich uninteressant bin? Was ist das, interessant? Trendy, jung, hübsch und reich? So sein zu wollen ruft regelmäßig Neid, Gier und Unglück auf den Plan. Oder ist es nicht so, dass gerade diejenigen, die uninteressant zu sein scheinen, es in der Regel faustdick hinter den Öhrchen haben, was mich besonders interessiert, weil in den tiefen Gründe stiller Wässerchen in der Regel große Einsichten in Lebensprozesse wachsen, schlechthin Weisheit genannt. Solche Menschen sind verborgener Genüsse fähig, verborgen deshalb, weil diese eben nicht allen Menschen zugänglich sind, sondern nur denen mit dem gewissen Blick, Ein-blick, eben. So sind uninteressant scheinende Menschen in der Regel auch diskret. Doch was ist uninteressanter als der klassische Durchschnittsmensch, was die Sache doch wiederum interessant macht, denn von denen gibt es ganz viele. Das heißt ja nicht, dass die alle glücklich sind, aber sie finden anscheinend eher einen gewissen Zugang zum Glück als interessante Menschen – wiewohl ich charismatische Menschen als extrem erotisch und daher als schön und interessant empfinde.

 

Denke ich zu äußerlich? Man sagt mir nach, ich sei ein ernster Mensch und denke zuviel, eigentlich ein blöder Ausdruck, denn jeder von uns denkt permanent. Man möchte mir nahe legen, meine Gedanken nicht so ernst zu nehmen: das wäre allerdings ein interessanter Ansatzpunkt. Ich habe also gerade im Ernst erkannt, dass der Ernst mein Untergang ist. Es besteht ja auch ein Riesenunterschied zwischen Ernst und Ernsthaftigkeit. Das geflügelte Wort „Schau in das Leben vielgestaltig sorgfältig, doch nicht sorgenfaltig“ bezeichnet einen ernsthaften doch durchaus humorvollen Menschen. Ironie ist der Abstand, den ich brauche, um von meinem eigenen Ernst etwas zurückzutreten, sprich, das antitoxische Mittel, welches ich benötige, um meine Erschütterungen über meine Unfähigkeiten verdauen zu können.

 

Die Philosophen der Welt haben sich bemüht „Das Ganze“ zu denken. De facto können wir immer nur Teile sehen oder Einzelheiten, und uns einen Reim darüber machen, wie diese Einzelheiten wohl zusammenpassen mögen. Das trifft wohl auch auf das Glück zu. Jedenfalls entsteht beim intensiven Studium meines Unglücks bei mir so etwas wie Glück. Der Versuch, mit dem eigenen Schmerz und der Verwirrung ernsthaft Kontakt aufzunehmen, ist also ein Prozess von Selbsterkenntnis, woraus mein zusammen gezimmerter unsteter Schutzwall „Ich“ auseinanderfällt und etwas erfüllendes Platz greifen kann, das „ich“ nicht näher beschreiben kann,  als dass ich Befreiung und Glück empfinde, wiewohl Friede und Stille einkehren.

 

Es ist menschlich, über sich selbst verwirrt zu sein, es ist normal einsam zu sein, es ist keine Schande über sich beklommen oder ent-täuscht zu sein. Alle diese Vorgänge finden wir beispielsweise immer wieder in der Literatur, was ihr großer Vorteil ist: so großartige Sätze wie „Beruhige Dich, du befindest Dich in der wohltätigen Dummheit des geläufigen Lebens“ müssten ohne Genazino erst entwickelt und verfasst werden.

 

In diesem Sinne viel Glück also beim Studium zur Selbsterkenntnis, ich bin so frei!

 

el 2009-05-30

 
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